Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern

Ausgabe/Datum: 40-06.10.2002

 »Nie mehr sag' ich Wessi«

Bayerische Notfallseelsorger im Flutgebiet Sächsische Schweiz

Nicht wenige Helfer aus Bayern haben in den Hochwassergebieten im Osten den Menschen beigestanden. Notfallseelsorger Christoph Thiele aus Langensendelbach bei Erlangen war einer von 85 freiwilligen Helfern der bayerischen Notfallseelsorge, die zum Einsatz im Landkreis Sächsische Schweiz waren. Als wir ankamen, war die Flut schon zurückgegangen, aber der Zeitpunkt für unsere Hilfe war gerade richtig«, resümiert Pfarrer Christoph Thiele aus Langensendelbach bei Erlangen über einen zehntägigen Einsatz als Notfallseelsorger im Landkreis Sächsische Schweiz. Mit seinem Motorrad machte er sich auf, um Menschen in Pirna und im Müglitztal zur Seite zu stehen, die es besonders hart getroffen hatte. Sein Zweirad erwies sich als Glücksfall, denn im Auto hätte er manche Gebiete nur mit deutlich längerer Anfahrzeit erreichen können. »Wenn man tagelang Schlamm schleppt, ist man einfach am Ende«, beschreibt der 39-Jährige den Zustand vieler Bewohner und Helfer im Schadensgebiet. Da sei noch gar kein Raum, um die Tragweite des Geschehenen zu erfassen.

Wie bei Christine Hampel, Besitzerin einer Parfümerie im Herzen der sächsischen Stadt. Mit geliehenem Geld hatte die 62-Jährige sich ihr Geschäft nach der Wende mühsam aufgebaut. Das Wasser, das in Pirnas Altstadt bis zu drei Metern hoch stand, machte alles kaputt, mit einem Mal. Erst nach dem Aufräumen der ersten Tage kamen langsam die Fragen, die Angst, die blanke Existenznot: wovon jetzt Handwerker entlohnen, die den Laden wieder herrichten, wenn noch nicht einmal der erste Kredit bezahlt ist? Wird der Rest ihres Lebens zum Großteil der Bank gehören? Reichen die eigenen Kräfte, um ein weiteres Mal von vorne anzufangen?

»Das Wichtigste war Hören, Hören, Hören«, empfindet Christoph Thiele. Den Gefühlen Luft zu verschaffen, darum müsse es nun gehen. Darin versuchten die Geistlichen, die Betroffenen behutsam zu unterstützen. Viele Bewohner und Helfer hätten nach dem, was sie erlebten, grausame Schockbilder im Kopf: von Flutwellen, die alles mit sich reißen, von ertrinkenden Menschen, die um Hilfe schreien, von Toten, die bei den Aufräumarbeiten am Fluss zum Vorschein kommen.

Vom Koordinator Frank Larsen, einem Diakon aus Kulmbach, kamen die Bayern und einige Württemberger und Rheinländer, verteilt auf sieben zehn- bis zwölfköpfige Teams, immer dreieinhalb Tage lang zum Einsatz. Ihr Stützpunkt war »Haus Sonnenstein«, eine Turnhalle mit Anbau, in der auch das Notlager für die Evakuierten eingerichtet war. Nach der morgendlichen Lagebesprechung schwärmten die Teammitglieder aus. Oft erst am Abend trafen sie wieder zusammen, 200 Meter weiter in der Zeltstadt Pirna, ihrem ersten Quartier, das die Bundeswehr für die etwa 1500 Hilfskräfte eilig errichtet hatte.

Später, weil die Zusammenarbeit mit den sächsischen Kolleginnen und Kollegen so gut funktionierte, bezogen die bayerischen Seelsorger in unversehrt gebliebenen Pfarrhäusern und bei Gemeindemitgliedern Quartier. »Eigentlich müssten wir mindestens bis nach Weihnachten dort Seelsorger stationieren«, findet Christoph Thiele, der die Überforderung der Ortsgemeinden durch die Katastrophe hautnah miterlebt hat. Da das nicht ohne weiteres zu leisten ist, entstanden andere Ideen: bayerisch-sächsische Handelsbeziehungen zwischen Gemeinden und Gewerbe treibenden, um den Wiederaufbau zu fördern - und eine Urlaubsvertretung für die Geistlichen der Sächsischen Schweiz. Diese für den Herbst zu organisieren, hat sich der Langensendelbacher vorgenommen, damit die Erschöpften eine Auszeit nehmen können. 

Für die Parfümeriebesitzerin Christine Hampel hat der Pfarrer in seiner Gemeinde inzwischen spontan gesammelt und ihr immerhin 650 Euro überreicht. Er wünscht sich, dass wahr wird, was eine Frau in Sachsen in all' dem Schrecklichen Gutes fand: »Jetzt wächst Ost und West zusammen.« Und eine andere fügte hinzu: »Ich schwör's, nie mehr sag' ich Wessi.«

Elke Wewetzer

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® 2002 Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern 


Für das Internet bearbeitet am 09. Oktober 2002.

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