Vom 27.08 – 30.08.2002 war ich im Katastropheneinsatz in Pirna, einem der schlimm getroffenen Städte der Hochwasserkatastrophe in der Sächsischen Schweiz. Die Alarmierung erfolgte durch die Nachalarmierungszentrale der Notfallseelsorge. Notfallseelsorger und Fachberater Seelsorge wurden vom Landkreis Sächsische Schweiz angefordert. Der Auftrag lautete: "Unterstützung der Gemeinden bei der Rückführung der Geschädigten aus der Evakuierung" außerdem sollte parallel dazu ein Notfallseelsorgesystem für den Landkreis Sächsische Schweiz aufgebaut werden, das bis dato noch nicht installiert war.
Zusammen mit insgesamt 12 Notfallseelsorgern und Fachberatern Seelsorge aus Bayern und Baden Württemberg traf ich am 27.08.2002 in Pirna ein, um den 3. Trupp Notfallseelsorger abzulösen, der hier seit 4 Tagen tätig waren. Es herrschte immer noch Katastrophenalarm, was durch den massiven Einsatz von Bundeswehr, THW und freiwilligen Helfern deutlich sichtbar war. Zusammen mit den anderen Einsatzkräften wurden wir in einem großen Zeltlager untergebracht. Die Lage vor Ort war immer noch sehr angespannt. Die Altstadt von Pirna war gespenstisch. Überall wurde Schlamm aus Keller und Erdgeschoss abgetragen. Sperrmüll musste entsorgt werden. Häuser wurden abgerissen. Der Gestank in der Stadt der eine Mischung aus Fäkalien, Chemikalien, Öl und Flussschlamm war, wurde durch die Wärme noch verstärkt. In der ganzen Stadt konnte man Trupps freiwilliger Helfer sehen die unermüdlich, teilweise schon seit zwei Wochen, helfen. Täglich trafen neue ein, so z.B. auch aus Gran Canaria.
Die Lage um Pirna herum war oftmals noch schlimmer, ganze Flussläufe mussten umgeleitet werden weil sich der Fluss ein neues Bett gesucht hatte. Vordringlich musste Schlamm und Geröll aus der Kanalisation geholt werden, weil bei jedem kleineren Regen das Wasser nicht ablief, sondern sofort wieder in die Keller floss. Auch aus dem Fluss mussten Äste, Bäume, Sperrmüll und Schutt geborgen werden. Ganze Autos waren darin. Hier war vor allem die Bundeswehr und das THW im Einsatz, da sie die nötigen Gerätschaften dazu mitbrachten. Selbst Panzer mussten eingesetzt werden weil sie oft die einzigen Fahrzeuge waren, die in dem schwer zugänglichen Gebiet noch durchkamen. Hilfreich erwies sich der Einsatz der Bundeswehr und des THWs auch bei der Errichtung von Notbrücken und Notwegen um Hilfstransporte zu ermöglichen.
Für uns Seelsorger bot
sich ein Bild, das man wohl nur noch mit Kriegsgebieten vergleichen kann.
Die Menschen waren verzweifelt. Ganze Existenzen vernichtet und oft blieb
nur noch ein Fundament des Hauses übrig. Anderen besaßen zwar
noch ihre Häuser, doch können sie diese noch lange nicht bewohnen
da die Feuchtigkeit dazu keine Möglichkeit lässt. Erschwert wird
die Lage noch durch die Behörden. Überforderung machte sich hier
breit. Die Hilfszahlungen für die Geschädigten ließ auf sich
warten. Anträge gehen verloren oder werden nicht bearbeitet. Gewerbetreibende,
die das Geld brauchen um wieder aufzubauen und Ware einzukaufen, können
nicht arbeiten, der Schlamm und das Geröll ist zwar weggeräumt
doch sie saßen da und warteten auf Hilfe.
Konkret hieß das für
uns folgendes:
Zum einen sind wir auf Streife
gegangen. In Pirna, Bad Schandau und im Müglitztal waren Trupps von
Seelsorgern unterwegs, um die Menschen aufzusuchen. Es ging darum, den
Menschen Mut zuzusprechen, aber auch konkrete Hilfen anzubieten. Die gelben
Jacken von uns Notfallseelsorger waren weithin erkennbar und oft konnten
man den Satz hören:" Jetzt brauche ich einen Seelsorger".
Brennpunkte, wie Essensausgaben
oder Hilfsgüterlager wurden mit einem Notfallseelsorger bestückt.
Für die Kinder gab es Teddybären und für deren Eltern einen
Leitfaden für die Betreuung ihrer Kinder nach der Katastrophe.
Viele freiwillige Helfer
waren erschöpft. Sie arbeiteten nur noch vor sich hin und waren selber
nicht mehr in der Lage, aufzuhören und das Erlebte zu verarbeiten.
Dieses zu erkennen und präventiv hier einzuwirken war auch eine Aufgabe
von uns.
Da jeder von uns mit einem
Handy ausgestattet war konnte die Einsatzzentrale zu Notfällen gerufen
werden. Dies war wichtig, da sich Suizidversuche häuften. Besonders
dramatisch war die Situation am Donnerstag, als es wieder zu regnen begann
und einige Keller volliefen.
Der Kontakt zu uns Notfallseelsorgern
war in der Altstadt von Pirna teilweise so gut, dass wir mit Namen angesprochen
wurde. Die Hilfe wurde dankbar angenommen und oft konnten wir auch konkret
helfen z.B. bei den Entscheidungen, wo die freiwilligen Helfer am nötigsten
gebraucht werden, oder bei der Beratung der Opfer, wie sie an Geld und
Hilfsgüter kommen.
Neben dieser konkreten Arbeit
vor Ort war einer von uns im Innenministerium Sachsen eingesetzt um die
Notfallseelsorge zu organisieren und Strukturen für ein künftiges
Betreuungs-System zu erarbeiten.
Für die Feuerwehren und örtlichen Hilfsorganisationen vor Ort wurden Stressbewältigungsmaßnahmen angeboten.
Am Freitag den 30.08.2002 endete unser Einsatz und wir wurden von einem neuen Trupp Notfallseelsorger abgelöst, die unsere Arbeit weiterführten.
Es wird noch Monate dauern
bis die Menschen im Landkreis Sächsische Schweiz wieder "normal" leben
können. Und wahrscheinlich wird ebenso lange intensive Seelsorge und
Begleitung nötig sein.
Aber es gibt es auch Hoffnung:
Zum Beispiel die Eröffnung eines kleinen Blumengeschäftes in
der Innenstadt von Pirna, wo drei Sorten Blumen und zwei Sorten Gemüse
auf einem einfachen Biertisch angeboten wurden. Das Leben geht weiter!
Br. Kornelius Wagner OSB
Fachberater Seelsorge für die Feuerwehren im Landkreis Landsberg
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Für das Internet bearbeitet am 18. September 2002.
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