Pfarrer
Klaus Kuhn
Beauftragter für Notfallseelsorge im Dekanat Schweinfurt
Hauptstr. 103
97711 Poppenlauer
Abschlußbericht der Notfallseelsorge über
den Einsatz bei der Massenkarambolage auf der BAB 7 am 2. Januar 2000
Am
Sonntag, den 2. Januar 2000 gegen 10.45 Uhr rasten bei dichtem Nebel und einer
Sichtweite von etwa 100 Metern zwischen den Anschlussstellen Bad Brückenau/
Wildflecken und Bad Kissingen/Oberthulba - etwa einen Kilometer vor der
Rastanlage Rhön/West, zunächst in südlicher Richtung etwa 90 Fahrzeuge
ineinander. Auf der Gegenfahrbahn prallten unmittelbar danach im gleichen
Streckenabschnitt noch einmal ca. 50 Fahrzeuge aufeinander.
Bei
diesen Unfällen wurden 77 Personen verletzt. Nach Auskunft der
Rettungsleitstelle Schweinfurt wurden 33 Leicht- und 28 Schwerverletzte in die
umliegenden Krankenhäuser gebracht. Zwei Personen kommen ums Leben.
Der Einsatz von fünf Rettungshubschraubern und einem Großraumrettungshubschrauber
scheiterte am dichten Nebel über der Einsatzstelle. Im Lauf des Nachmittags mussten
noch sieben weitere Personen von den Betreuungsstellen ins Krankenhaus gebracht
werden.
Von
Seiten des Rettungsdienstes wurden 12 Rettungswägen (RTW), 11 Krankenwägen (KTW)
und 9 Notarzteinsatzfahrzeuge (NEF) eingesetzt. Außerdem kamen 3
Schnelleinsatzgruppen (SEG) mit ca. 15 Fahrzeugen, eine Wasserwacht- und drei
Bergwachteinheiten zum Einsatz.
Die
Polizei war mit 140 Beamtinnen und Beamten im Einsatz.
Die Feuerwehr war mit 113
Feuerwehrdienstleistenden aus Schondra, Oberthulba, Bad Kissingen und Bad Brückenau
vor Ort.
Um
11.32 Uhr wurde Pfr. Klaus Kuhn als Kreisbrandmeister und Notfallseelsorger
durch die Einsatzzentrale der Feuerwehr Bad Kissingen alarmiert. Die Meldung
lautete: „Massenkarambolage auf der BAB 7 mit ca. 150 Verletzten“.
Da
Pfr. Kuhn sich zunächst nicht meldet, erfolgt um 11.42 Uhr die
Zweitalarmierung, diesmal auch an Ilona Kenner, Notfallseelsorgerin aus
Zeitlofs. Sie fährt mit ihrem Privat-PKW zur Unfallstelle, wo sie gegen 12.30
Uhr eintrifft. Ihr erster Eindruck: Es war außerordentlich still auf der
Autobahn; nur vereinzelt liefen Motoren. Viele Leute waren geschockt von dem
Erlebten. Die ersten Tränen begannen zu fließen.“
Um
11.55 Uhr meldet sich Pfr. Kuhn bei der Einsatzzentrale der Feuerwehr Bad
Kissingen. Er erhält die Anweisung, die Unfallstelle ab Raststätte Rhön-Ost
entgegen der Fahrtrichtung anzufahren. Ihm wird die Benutzung eines
Feuerwehrfahrzeuges unter Verwendung der Sondersignale genehmigt.
Bevor
Pfr. Kuhn zur Unfallstelle aufbricht, alarmiert er um 12.05 Uhr telefonisch den
Landeskirchlichen Beauftragten für Notfallseelsorge, Pfr. von Wietersheim, und
bietet ihn, Notfallseelsorger/innen aus den Landkreisen Schweinfurt, Hassberge,
Kitzingen und Würzburg zu alarmieren.
Pfr.
von Wietersheim informiert um 12.06 Uhr die Nachalarmierungszentrale der
Notfallseelsorge im oberfränkischen Selbitz, die die weitere Alarmierung von
Notfallseelsorgern/innen übernimmt.
Gegen
12.45 Uhr meldet sich Pfr. Kuhn bei der Einsatzleitung und arbeitet dort zunächst
mit. Er koordiniert von dort aus die Anfahrt und den Einsatz der anfahrenden
Notfallseelsorger. Diese werden von der EZ der Feuerwehr Bad Kissingen zunächst
zur Autobahnmeisterei Oberthulba gelenkt. Dorthin sollte ein Bus mit zu
betreuenden Personen kommen. Um 13.30 Uhr stellt sich dann heraus, dass alle
Geschädigten nach Bad Brückenau gebracht werden/wurden. Die in Oberthulba
eingetroffenen Notfallseelsorger/innen sollten mit Hilfe eines Lotsenfahrzeuges
nach Bad Brückenau geführt werden. Da dies nicht wie geplant funktioniert,
fahren die Notfallseelsorger unter Nutzung von Sonderrechten (z.T. in
Polizeibegleitung) nach Bad Brückenau in die TV-Turnhalle. Ein Fahrzeug mit
einem Notfallseelsorger und Fahrer wurde in Oberthulba stationiert.
Als
der Einsatz der übrigen Notfallseelsorger/innen koordiniert ist, betreut Pfr.
Kuhn die Unverletzten, die noch bei ihren Fahrzeugen bleiben mussten. In der
Zwischenzeit hat eine SEG ein beheizbares Zelt aufgestellt und versorgt
Betroffene und Einsatzkräfte mit warmen Getränken.
Pfr.
Kuhn segnet die beiden Toten aus, die bei diesem Unfall ums Leben gekommen
waren.
Ilona
Kenner organisiert nach Ankunft von Pfr. Kuhn an der Unfallstelle die Versorgung
der Unverletzten in der Turnhalle. Als die Notfallseelsorger/innen in der
TV-Turnhalle gegen 14 Uhr ankommen, stellt sich heraus, dass im Rot-Kreuz-Haus
eine zweite Sammelstelle eingerichtet wurde. Drei Notfallseelsorger werden
daraufhin dorthin zur Betreuung entsandt.
Nach
einer kurzen Einweisung der Notfallseelsorger/innen beginnen diese, in
Zusammenarbeit mit dem BRK, einer Verhandlungsgruppe der Polizei und
freiwilligen Helfern mit der Betreuung von ca. 250 Un- und Leichtverletzten.
Dies war nicht immer einfach: etliche der Betroffenen waren sehr zurückgezogen,
andere fast schon euphorisch. Als Gesprächsöffner bewährten sich wieder
einmal Kuscheltiere, Kaugummis und Gummibärchen, die aus den Beständen der
Notfallseelsorge reichlich vorhanden waren. Die Notfallseelsorger verteilten Blätter
mit „Informationen und Ratschlägen für Betroffene zum Umgang mit körperlich-seelischen
Reaktionen nach einem Notfall oder Unglück, die gerne entgegengenommen und
interessiert gelesen wurden.
Polizeihauptkommissar
Marx von der PD Schweinfurt moderiert anfangs in der TV-Turnhalle und gibt
allgemeine Informationen bzw. macht Durchsagen (z.B. Mitfahrgelegenheiten,
Leihwagen, Übernachtungen, Bustransfer zur Unfallstelle).
In
dieser Phase waren die 14 Notfallseelsorger
wie folgt aufgeteilt:
|
Autobahn: |
Pfr.
Klaus Kuhn |
|
Autobahnmeisterei
Oberthulba: |
Pfr.
Werner Kirchner mit Fahrer |
|
Rot-Kreuz-Haus: |
Patres
Amos und Christoph OSB, Herr Englert, Lektor der evang. Kirchengemeinde
Bad Brückenau |
|
Krankenhaus
Bad Brückenau: |
Diakon
Stock |
|
TV-Turnhalle: |
8
weitere Notfallseelsorger/innen |
Der
Notfallseelsorge standen vier Fahrzeuge mit Sondersignal sowie drei Fahrer zur
Verfügung.
Um
15.10 Uhr wird der zuständige evang. Dekan telefonisch über den Einsatz der
Notfallseelsorge informiert.
Durch
die schnelle Hilfe und viele Helfer vor Ort stehen für alle Betroffenen Gesprächspartner
in ausreichender Zahl zur Verfügung. Dies trägt dazu bei, dass keine
aggressive Stimmung in der Halle aufkommt. Die Betroffenen werden in ihren
verschiedenen Anliegen ernst genommen.
Die
Aufgabenteilung wird wie folgt organisiert:
|
BRK: |
Sanitätsbetreuung |
|
Polizei: |
Registrierung |
|
Notfallseelsorge: |
Seelische
Betreuung |
Und
wenn es irgendwo klemmte, fassten alle mit an und jede/r half dort mit, wo es nötig
war.
Gegen
16 Uhr werden erste Betroffene von ihren Angehörigen abgeholt oder konnten
eigenständig ihre Weiterreise organisieren. Die ersten Notfallseelsorger/innen
konnten daher wieder entlassen werden.
Um
17.15 Uhr bringt ein Bus die Fahrer der beschädigten Pkws zur Raststätte Rhön,
wohin die Fahrzeuge abgeschleppt worden waren. Zwei Notfallseelsorger begleiten
den Bus und betreuen vor allem ältere Personen, „denen die Knie beim Anblick
ihres total zertrümmerten Autos zittern“.
Ein
Notfallseelsorger kommt dabei ins Gespräch mit einem Mann, der den Tod der 64-jährigen
Frau als Augenzeuge miterlebt hat und betreut ihn.
Für
etliche Fahrer wird es schwierig, ihre Fahrzeuge zu finden. Es stellt sich
heraus, dass manche Unfallfahrzeuge zu verschiedenen Werkstätten hin
abgeschleppt und dort abgestellt wurden, ohne dass dies dokumentiert worden war.
In einem Fall fährt ein Notfallseelsorger mit den Betroffenen zu einer
Werkstatt, vermittelt ein Nachtquartier, kümmert sich anderntags um einen
Leihwagen und lotst das Ehepaar bis zur Autobahn.
Um
17.40 beenden die Notfallseelsorger ihren Dienst im BRK-Heim.
Manche
Geschädigte realisieren erst jetzt das gesamte Ausmaß des Unfalls. Vereinzelt
müssen Betroffene in ärztliche Behandlung vermittelt werden. Ein Mann
kollabiert und wird mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert. Die noch in
der Halle befindlichen Notfallseelsorger/innen kümmern sich auch weiter um
diese Geschädigten.
Noch
am gleichen Abend wird vereinbart, dass die Notfallseelsorge eine
Einsatznachbesprechung (SBE) für die auf der Autobahn eingesetzten Kräfte
organisieren und dazu einladen wird. Dieses Gespräch findet am Mittwoch, den 5.
Januar, um 20 Uhr im BRK-Haus Bad Brückenau statt. Daran nehmen unter Anleitung
eines fünfköpfigen Leitungsteams insgesamt 41 auf der Autobahn eingesetzte Kräfte
teil.
Ab
21 Uhr werden die Betroffenen zu den jeweiligen Quartieren gebracht. Die
Notfallseelsorger beenden ihren Einsatz. Um 22.30 Uhr kehrt der letzte
Notfallseelsorger zu seinem Standort zurück.
Notfallseelsorgerin
Ilona Kenner wird nachts von einer Familie angerufen, die Unfallopfer beherbergt
hatten. Sie bitten um Rat, was sie tun sollten, da eine Frau Angstzustände
bekommen hätte und am ganzen Körper zittern würde. Frau Kenner berät die
Familie und empfiehlt, sofort einen Arzt zu rufen.
Kritische Anmerkungen:
*
Die Alarmierung aller Notfallseelsorger/innen (mit Ausnahme derer im Landkreis
Bad Kissingen) erfolgte ausschließlich über Telefon, nicht über Funkmeldeempfänger.
Dadurch wurden z.B. ortsnahe Notfallseelsorger aus Schweinfurt nicht alarmiert,
weil ihre Telefonnummern z.B. in der Einsatzzentrale der Feuerwehr Schweinfurt
nicht bekannt waren. Zugleich wurde durch diese Art der Alarmierung Zeit
verschenkt.
*
Der von der EZ vorgegebene Treffpunkt für Notfallseelsorger an der
Autobahnmeisterei Oberthulba war ideal gewählt. Auch der Plan, ein
Lotsenfahrzeug zu schicken, das die Notfallseelsorger nach Bad Brückenau
bringt, war gut. Leider brachte das Lotsenfahrzeug nur einen Seelsorger dorthin
und übersah die anderen.
*
Diejenigen Notfallseelsorger, die in Privat-PKWs anfuhren, brauchten wegen des
stockenden Verkehrs von Oberthulba nach Bad Brückenau 2 ½ Stunden. Der Einsatz
von Sondersignal ist daher unumgänglich und dient einerseits der eigenen
Sicherheit, andererseits ermöglicht er zeitsparende Ortswechsel.
* Es
wäre sinnvoll gewesen, mit mehreren Seelsorgern/innen an der Unfallstelle präsent
zu sein. Dadurch hätten Betroffene schneller betreut werden können, ebenso
Einsatzkräfte in Ruhepausen. Auch die Mitarbeit in der Einsatzleitung wäre
dann ungeteilter möglich gewesen. Beim Transport der zu Betreuenden nach Bad Brückenau
war kein Seelsorger im Bus. Dieser hätte als „Moderator“ bereits zu diesem
frühen Zeitpunkt allgemeine Informationen geben bzw. in Einzelfällen Betreuung
leisten können.
* Es
ist zu klären, ob nicht auch in der TV-Halle und im BRK-Heim jeweils ein
„Moderator“ allgemeine Informationen gibt (z.B. wer ist wofür zuständig?
wo finde ich wen/was?).
*
Die Beamten/innen der Polizei waren - bis auf Herrn Marx - nicht gekennzeichnet.
Das erschwerte bisweilen die Ansprache und fachliche Zuordnung.
*
Verwirrung herrschte, als Betroffene zur Betreuung nach Oberthulba und Bad Brückenau
gebracht werden sollten, Oberthulba dann aber nicht eingebunden wurde.
Fazit:
*
Ein gelungener Einsatz. Innerhalb relativ kurzer Zeit konnten 14 z.T. erfahrene
Notfallseelsorger/innen aus Unterfranken zusammengezogen werden.
* Die Zusammenarbeit mit allen eingesetzten Kräften funktionierte harmonisch.
Viele positive Rückmeldungen der Betroffenen bestätigen dies.
Poppenlauer,
7. Januar 2000
Klaus Kuhn
mailto: mail@notfallseelsorge-bayern.de
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